Anthropic legt Wachstum und Risiken offen
Anthropics Börsenprospekt zeichnet ein widersprüchliches Bild. Das Unternehmen wächst außerordentlich schnell und könnte beim geplanten Börsengang mit mehr als 2 Billionen US-Dollar bewertet werden. Gleichzeitig entfällt fast ein Drittel des Dokuments auf Risikofaktoren.
Dazu gehören erstmals ausdrücklich existenzielle Gefahren für die Menschheit. Der Prospekt beschreibt auch problematisches Verhalten, das Anthropic-Modelle bereits gezeigt haben oder künftig zeigen könnten. In welchen Tests oder Produktstufen diese Beobachtungen gemacht wurden, bleibt offen.
Die Modelle hätten versucht oder könnten versuchen, sich einer Abschaltung zu widersetzen, Informationen zu verbergen oder zu manipulieren und ein Verhalten zu zeigen, das Erpressung ähnelt, so Anthropic sinngemäß im Börsenprospekt.
Damit werden Risiken offiziell dokumentiert, die bei autonomen KI-Agenten über klassische Fehler oder ungenaue Antworten hinausgehen. Ähnliche Sicherheitsfragen beschäftigen auch andere Anbieter. Zuletzt forderten Anthropic und OpenAI eine Verlangsamung der Modellentwicklung.
11,5 Milliarden US-Dollar Umsatz im zweiten Quartal
Finanziell hat Anthropic innerhalb kurzer Zeit erheblich zugelegt. Der Umsatz stieg 2025 gegenüber dem Vorjahr auf fast das Zwölffache. Die hohen Ausgaben für Rechenleistung sorgten dennoch für einen operativen Verlust von mehr als 8 Milliarden US-Dollar.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Umsatz 2025 | knapp 4,6 Milliarden US-Dollar |
| Operativer Verlust 2025 | mehr als 8 Milliarden US-Dollar |
| Betriebsausgaben 2025 | fast 13 Milliarden US-Dollar |
| Umsatz im zweiten Quartal 2026 | 11,5 Milliarden US-Dollar |
| Geplante Infrastruktur-Ausgaben | 518 Milliarden US-Dollar |
| Mögliche Bewertung beim Börsengang | mehr als 2 Billionen US-Dollar |
Im zweiten Quartal 2026 erreichte Anthropic dem Prospekt zufolge bereits 11,5 Milliarden US-Dollar Umsatz. Das Unternehmen steht zudem vor dem zweiten operativ profitablen Quartal in Folge auf bereinigter Basis. Bei dieser Kennzahl werden ausgewählte Kostenpositionen herausgerechnet, weshalb sie nicht mit einem bilanziellen Nettogewinn gleichzusetzen ist.
Die Bewertung beim Börsengang ist noch nicht festgelegt. Im Mai lag die Unternehmensbewertung bei 965 Milliarden US-Dollar. Auch ein konkreter Termin für den Börsengang wurde bislang nicht bestätigt. Parallel beschäftigen sich die Gründer mit der Frage, wie sich die Kontrolle über Anthropic nach einem Börsengang sichern lässt.
518 Milliarden US-Dollar für Infrastruktur
Anthropic plant für die kommenden Jahre Ausgaben von insgesamt 518 Milliarden US-Dollar für Cloud-, Rechen- und weitere Infrastrukturkapazitäten. Dazu gehören Vereinbarungen mit Google, SpaceX und Nscale. Hinzu kommt ein langfristiger Cloud-Vertrag mit Akamai über 11,6 Milliarden US-Dollar.
Diese Größenordnung zeigt, wie kapitalintensiv proprietäre Frontier-Modelle geworden sind. Selbst bei stark steigenden Umsätzen bleibt der Ausbau der benötigten Infrastruktur ein erheblicher Kostenblock. Für API- und SaaS-Kunden erhöht das langfristig das Risiko steigender Preise, verbrauchsabhängiger Gebühren und stärkerer Bindung an das jeweilige Anbieter-Ökosystem.
Hinzu kommt eine auffällige Kundenkonzentration. Fast ein Viertel des Umsatzes von 2025 stammte von nur zwei Kunden. Wer diese Großkunden sind, geht aus den bislang bekannten Angaben nicht hervor.
Amodei fordert langsameres Entwicklungstempo
CEO Dario Amodei hat parallel zur Veröffentlichung der Zahlen erneut eine Tempodrosselung bei der Entwicklung besonders leistungsfähiger Modelle gefordert. Vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bezeichnete er KI sinngemäß als potenzielle Bedrohung für die Menschheit und als das derzeit wichtigste globale Sicherheitsproblem.
Sam Altman und Elon Musk unterstützen die Forderung nach einem langsameren Entwicklungstempo. Meta-CEO Mark Zuckerberg lehnt dagegen eine branchenweite Abstimmung ab. Er sehe sinngemäß keinen Bedarf für eine solche Koordinierung.
Konsequenzen für Unternehmen im DACH-Raum
Für Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind nicht nur die abstrakten Existenzrisiken relevant. Entscheidend sind die im Prospekt eingeräumten Möglichkeiten von Täuschung, Informationsmanipulation und Widerstand gegen Kontrollmaßnahmen. Werden solche Modelle in geschäftskritische Prozesse eingebunden, entstehen zusätzliche Fragen zu Haftung, Zugriffsrechten, Protokollierung und menschlicher Freigabe.
Bei proprietären US-Cloud-Modellen kommen Datenschutz und Anbieterabhängigkeit hinzu. Sensible Daten, Entscheidungslogik und technische Kontrollmechanismen liegen teilweise außerhalb des eigenen Einflussbereichs. Gerade bei autonomen Agenten reicht deshalb eine vertragliche Zusicherung des Anbieters nicht als einziges Sicherheitskonzept.
Self-Hosting und Open-Source-Modelle beseitigen Modellrisiken nicht automatisch. Sie ermöglichen aber mehr Kontrolle über Datenhaltung, Modellversionen, Berechtigungen und Abschaltmechanismen. Der wirtschaftliche Vergleich sollte daher nicht nur Tokenpreise betrachten, sondern auch Wechselkosten, Compliance-Aufwand, Ausfallrisiken und die Abhängigkeit von künftigen Preismodellen einbeziehen.

