tl;dv: Meeting-Daten und Live-Calls lagen offen

Beim KI-Meetingrekorder tl;dv konnte jeder angemeldete Nutzer Metadaten von über 180.000 Aufzeichnungen abfragen, inklusive der Konferenz-IDs laufender Videocalls. Ursache war eine fehlende Mandantentrennung in der Firestore-Datenbank. Die Lücke war laut Bericht sechs Monate nach der Meldung noch offen.

tl;dv: Meeting-Daten und Live-Calls lagen offenBild: KI-generiert

Jeder Gratis-Account konnte plattformweit mitlesen

Der KI-Meetingrekorder tl;dv schickt einen Bot in Google Meet, Zoom oder Teams, zeichnet auf, transkribiert und fasst zusammen. Nach eigenen Angaben nutzen das über 2 Millionen Menschen. Genau in dieser Plattform klaffte eine Lücke, die zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Compliance-Siegel und tatsächlicher Sicherheit sein kann.

Der Kern des Problems ist banal: In der Firestore-Sammlung meetings fehlte die Mandantentrennung, also die Regel, die Daten eines Kunden von den Daten aller anderen abschottet. Nach der Anmeldung tauscht die Plattform das Nutzer-Token über den Endpunkt gw.tldv.io/v1/users/firebase/token gegen ein Firebase-Token. Mit diesem Token ließ sich die Datenbank projects/lmi-store/databases/(default) abfragen, und zwar über alle Konten hinweg.

Sichtbar wurden dabei E-Mail-Adressen der Ersteller, die Konferenz-IDs von Google Meet und Teams, der Anbieter, der Aufnahmestatus und Zeitstempel. Bemerkenswert: Alle anderen Sammlungen wie users, chats, transcripts, clips, recordings, videos und notes waren korrekt per Sicherheitsregel geschützt und lieferten einen Fehler 403. Nur die zentrale Meeting-Tabelle war offen.

Konferenz-IDs im Status "recording"

Die Metadaten allein wären schon problematisch. Schwerer wiegt, dass die Konferenz-ID einer laufenden Sitzung mitgeliefert wurde. Wer die Sammlung in Echtzeit beobachtete, sah, wie eine Aufzeichnung startete, konnte die ID greifen und dem Videocall unangemeldet beitreten. Im Schnitt lagen rund 1.000 Konferenzen gleichzeitig im Status "recording" in der Datenbank.

Der Sicherheitsforscher, der die Lücke gemeldet hat, demonstrierte das an zwei Live-Meetings, darunter eine Sitzung des malaysischen Bildungsministeriums mit über 157 Teilnehmern. Der tl;dv-Bot war bereits in der Teilnehmerliste, der ungeladene Gast fiel nicht auf.

Zusätzlich prüfte er, wie viele Aufzeichnungen nicht nur als Metadatensatz, sondern inhaltlich zugänglich waren. Von 27.334 überprüften Meeting-IDs waren über 1.000 öffentlich einsehbar. Dabei traten 715 E-Mail-Adressen von Eingeladenen aus 228 Domains zutage.

Die Zahlen zum Datenbestand

KennzahlWert
Abgefragte Meeting-Datensätze181.874
Eindeutige Nutzer84.312
Betroffene E-Mail-Domains35.003
Gleichzeitig laufende Aufzeichnungenrund 1.000
Länder mit Regierungsaufzeichnungen23
SpitzenmonatJuli 2025 mit 43.209 Aufzeichnungen
Stärkste StundeMittwoch, 14:00 Uhr UTC, 7.804 Meetings

Unter den betroffenen Domains finden sich Regierungsstellen aus den USA, der Ukraine, Brasilien, Japan und Israel, dazu Universitäten und Unternehmen. Wie viele Firmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in den über 35.000 Domains stecken, geht aus dem Bericht nicht hervor. Da tl;dv im DACH-Raum bei Vertriebs- und Remote-Teams verbreitet ist, ist eine Betroffenheit heimischer Unternehmen aber wahrscheinlich.

Sechs Monate ohne Korrektur

Gemeldet wurde die Schwachstelle am 28. Januar 2026 direkt an die Geschäftsführung. Mitgründer und CEO Raphael Allstadt antwortete innerhalb von Minuten und verwies auf den CTO. Sinngemäß übersetzt: "Danke! Kannst du das unserem CTO melden, dann schauen wir es uns sofort an?"

Es folgten weitere Beschwichtigungen. Am 30. Januar hieß es sinngemäß, das Team prüfe das sehr, sehr bald. Am 19. Februar:

Wir sind dran. Es braucht etwas Zeit, aber sei versichert, dass wir dranbleiben. Für die weitere Kommunikation empfehle ich, sich an unseren CTO zu wenden.

Der CTO antwortete nach Darstellung des Forschers nie. Im Juli 2026, also ein halbes Jahr nach der Meldung, war die Lücke laut Bericht weiterhin offen. Auf der Sicherheitsseite von tl;dv steht dagegen die Zusage, das Sicherheitsteam antworte innerhalb von 24 Stunden. Daneben prangen Angaben zu SOC2, DSGVO, EU AI Act, EU-Hosting und AES-256-Verschlüsselung.

Ob tl;dv nach der Veröffentlichung eine Meldung an Datenschutzbehörden nach Artikel 33 DSGVO abgegeben oder Betroffene informiert hat, ist nicht bekannt. Ebenso unklar bleibt, ob Dritte die Lücke in den sechs Monaten tatsächlich ausgenutzt haben. Warum eine einzelne fehlende Firestore-Sicherheitsregel ein halbes Jahr lang nicht nachgezogen wurde, hat das Unternehmen nicht erklärt.

Und dann war da noch das Tippspiel

Ein Nebenfund passt ins Bild. Unter worldcup.tldv.io lief ein internes Tippspiel zur Fußball-WM 2026, schnell zusammengeklickt auf einer No-Code-Plattform. Der Endpunkt GET /api/entities/Player gab ohne jede Anmeldung 43 Spielerdatensätze zurück, darunter Klarnamen und Firmen-E-Mails von 19 tl;dv-Mitarbeitern.

Das ist kein Kernprodukt, aber ein Symptom. Wer intern schnell etwas zusammenbaut, muss Zugriffsregeln genauso ernst nehmen wie in der Hauptanwendung. Dass Anbieter versuchen, diese Klasse von Anwendungen kontrollierbar zu machen, zeigt etwa der Ansatz, Vibe Coding in die Private Cloud der Kunden zu verlagern.

Was Unternehmen daraus mitnehmen

Der Fall zeigt, wie wenig Compliance-Zertifikate über die reale Angriffsfläche aussagen. SOC2 und DSGVO-Konformität beschreiben Prozesse, nicht jede einzelne Zugriffsregel in einer Cloud-Datenbank. Ein einziger Konfigurationsfehler hat hier die gesamte Schutzarchitektur ausgehebelt, ähnlich wie bei der aktiv ausgenutzten Lücke in der KI-Plattform Langflow.

Noch unangenehmer ist der zweite Teil: Kunden hatten keinerlei Möglichkeit, die Behebung zu erzwingen. Wer Bewerbungsgespräche, Gehaltsrunden, Preisverhandlungen und Strategiesitzungen in eine fremde Plattform gibt, gibt die Kontrolle über diese Inhalte vollständig ab. Bleibt der Anbieter untätig, bleibt nur die Kündigung, und die repariert die bereits gespeicherten Daten nicht.

Für Meeting-Transkription gibt es inzwischen praktikable Alternativen im eigenen Haus. Lokal betriebene Spracherkennungsmodelle wie Whisper laufen auf gewöhnlicher Server- oder sogar Notebook-Hardware, die Aufzeichnungen verlassen das eigene Netz nicht, und es gibt keine Konferenz-ID, die in einer fremden Datenbank landen kann. Der Aufwand für Einrichtung und Betrieb ist real, aber überschaubar, und er ist eine Einmalinvestition statt einer dauerhaften Abhängigkeit. Dass sich abo-freie Werkzeuge auch in anderen Bereichen etablieren, zeigt etwa der Open-Source-Coding-Agent Goose.

Wer weiterhin auf einen externen Dienst setzt, sollte zumindest zwei Dinge klären: Wie schnell reagiert der Anbieter nachweislich auf gemeldete Schwachstellen, und welche Daten fallen an, die auch ohne Zugriff auf die Aufzeichnung selbst schon sensibel sind. Teilnehmerlisten, E-Mail-Adressen und Terminmuster reichen oft schon aus, um Rückschlüsse auf Geschäftsvorgänge zu ziehen.