Adobe: Artcraft baut sieben Open-Source-Klone

Artcraft bildet sieben zentrale Adobe-Anwendungen mit Rust, WebAssembly und Claude Opus 5.5 als quelloffene Software nach. Das Projekt zeigt das Potenzial KI-gestützter Eigenentwicklung, ist derzeit aber weder technisch ausgereift noch rechtlich abschließend geklärt.

Adobe: Artcraft baut sieben Open-Source-KloneBild: KI-generiert

Artcraft stellt sieben freie Adobe-Nachbauten vor

Der Entwickler Brandon Thomas hat unter der Marke Artcraft eine Suite aus sieben Open-Source-Anwendungen vorgestellt. Sie sollen Werkzeuge und Benutzeroberflächen zentraler Adobe-Produkte nachbilden und kostenlos unter MIT- und Apache-Lizenzen verfügbar sein.

Als Entwicklungswerkzeug kam nach Angaben von Thomas Claude Opus 5.5 von Anthropic zum Einsatz. Programmiert wurde in Rust. Über WebAssembly, ein binäres Laufzeitformat für Browser, lassen sich die Anwendungen auch direkt im Web ausführen.

Nr.Nachgebildetes Adobe-Programm
1Photoshop
2Illustrator
3Premiere
4Lightroom
5After Effects
6InDesign
7Acrobat Pro

KI beschleunigt das Clean-Room-Verfahren

Thomas bezeichnet die Entwicklung als Clean-Room-Reverse-Engineering. Dabei wird die Funktionsweise einer Anwendung nachgebildet, ohne ihren ursprünglichen Quellcode zu übernehmen. Dieser Ansatz ist seit Langem bekannt, war bei umfangreicher Standardsoftware bisher aber mit erheblichem Zeitaufwand verbunden.

Nach eigenen Angaben verfügt Thomas über zehn Jahre Erfahrung mit großen Rust-Projekten und programmiert seit Februar ausschließlich mit KI-Werkzeugen. Artcraft ist damit ein konkretes Beispiel dafür, wie leistungsfähige Modelle den Aufwand für das Nachbauen komplexer Anwendungen reduzieren können. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei Claude Code Projects und parallel arbeitenden Coding-Agenten.

Jetzt könne man funktionale 1:1-Äquivalente im Clean-Room-Verfahren erstellen, leistungsfähig und plattformübergreifend, erklärte Thomas sinngemäß.

Seine Aussage, Software sei vorbei, ist allerdings deutlich weiter als der aktuelle Stand des Projekts. Die Anwendungen befinden sich laut Thomas in einer sehr frühen Alpha-Phase. Viele Funktionen fehlen noch, zudem bestehen Fehler und erkennbare Einschränkungen.

Vollständige Funktionsparität bleibt ein Versprechen

Thomas kündigte zunächst an, innerhalb eines Monats 100 % Funktionsparität zu erreichen. Wenige Tage später korrigierte er diese Prognose. Eine Parität von 99 % werde einige Zeit benötigen, sei aus seiner Sicht aber eher eine Frage von Monaten als von Jahren.

AussageGenannter ZeitraumEinordnung
100 % FunktionsparitätEin MonatUrsprüngliche Ankündigung
99 % FunktionsparitätEinige MonateSpäter korrigierte Prognose
Aktueller StandSehr frühe Alpha-PhaseViele Funktionen und Fehler noch offen

Ob diese Ziele erreichbar sind, ist bislang nicht belegt. Funktionslisten allein reichen für den produktiven Einsatz in Agenturen oder Unternehmen ohnehin nicht aus. Entscheidend sind Stabilität, Kompatibilität mit vorhandenen Dateien, verlässliche Aktualisierungen und professioneller Support.

Freie Lizenzen, aber ein kommerzielles KI-Modell

Die Anwendungen selbst sollen kostenlos bleiben. Finanzieren will Artcraft die Entwicklung über den Verkauf von Token für das eigene KI-Modell sowie eine in die Anwendungen integrierte Entwicklungsumgebung. Ob dieses Modell langfristig genügend Einnahmen für Wartung und Support liefert, ist offen.

Für Unternehmen ist diese Trennung relevant. Offener Quellcode und freie Lizenzen erleichtern Prüfung, Anpassung und Weiterentwicklung. Kostenpflichtige KI-Dienste innerhalb der Software können jedoch eine neue Abhängigkeit schaffen, wenn zentrale Funktionen nur über das Artcraft-Modell verfügbar sind.

Das grundsätzliche Problem ist nicht auf Adobe beschränkt. Steigende Lizenzkosten und eingeschränkte Wechselmöglichkeiten führen auch in anderen Märkten zu einer Suche nach Alternativen, wie die hohe Wechselbereitschaft bei VMware-Kunden wegen Lizenzkosten zeigt.

Rechtliches Risiko durch ähnliche Oberflächen

Der Clean-Room-Ansatz schützt nicht automatisch vor allen rechtlichen Konflikten. Ein möglicher Angriffspunkt ist das sogenannte Trade Dress. Damit ist der rechtlich geschützte Gesamteindruck eines Produkts gemeint, zu dem auch charakteristische Oberflächen und Gestaltungselemente gehören können.

Da Artcraft nicht nur Funktionen, sondern auch Bedienkonzepte und Erscheinungsbild der Adobe-Anwendungen nachbildet, könnte dieser Bereich relevant werden. Ob Adobe tatsächlich rechtliche Schritte einleitet, ist bislang nicht bekannt. Auch eine konkrete Bewertung möglicher Markenrechtsverletzungen liegt nicht vor.

Für Unternehmen vorerst ein Signal, kein Ersatz

Für Kreativagenturen und Unternehmen im DACH-Raum ist Artcraft derzeit keine belastbare Alternative zur Adobe Creative Cloud. Der frühe Entwicklungsstand, fehlender Support und die ungeklärte Rechtslage sprechen gegen einen produktiven Einsatz in kritischen Arbeitsabläufen.

Strategisch ist das Projekt dennoch relevant. Es zeigt, dass KI die Kosten für Reverse Engineering und Eigenentwicklung komplexer Standardsoftware deutlich verschieben kann. Proprietäre Abo-Produkte werden dadurch nicht kurzfristig überflüssig, aber ihre Funktionen lassen sich zunehmend schneller durch offene und anpassbare Lösungen herausfordern.