Anthropic präsentiert Investoren starkes Wachstum
Anthropic hat Investoren vor einem geplanten Börsengang offenbar neue Geschäftszahlen vorgestellt. Demnach stieg der Umsatz im dritten Quartal auf 16,8 Milliarden US-Dollar. Gegenüber dem zweiten Quartal entspricht das einem Zuwachs von knapp 50 %.
Die Angaben stammen aus Investorengesprächen und nicht aus einem veröffentlichten Geschäftsbericht. Ein konkreter Termin für den Börsengang ist bislang nicht bekannt. Auch der bisherige IPO-Prospekt von Anthropic zeigt, dass Investoren neben dem Wachstum erhebliche technische und wirtschaftliche Risiken bewerten müssen.
| Zeitraum | Umsatz |
|---|---|
| Q1, Januar bis März | ca. 4,8 Milliarden US-Dollar |
| Q2, April bis Juni | 11,5 Milliarden US-Dollar |
| Q3, Juli bis September | 16,8 Milliarden US-Dollar |
Rechenleistung bleibt teuer, aber profitabel
Im dritten Quartal erzielte Anthropic nach den vorgelegten Zahlen 1,70 US-Dollar Umsatz für jeden US-Dollar, der für Rechenleistung ausgegeben wurde. Diese Kennzahl berücksichtigt allerdings noch nicht sämtliche Personal-, Vertriebs- und Entwicklungskosten.
Die bereinigte operative Marge lag bei 11 %. Aktienbasierte Vergütungen wurden dabei herausgerechnet. Nach dieser bereinigten Kennzahl verdient Anthropic trotz des hohen Infrastrukturbedarfs bereits operativ Geld.
| Kennzahl in Q3 | Wert |
|---|---|
| Umsatz je 1,00 US-Dollar Rechenkosten | 1,70 US-Dollar |
| Bereinigte operative Marge | 11 % |
| Früherer Umsatzanteil durch Modelldestillation | 5 % bis 7 % |
Für Unternehmenskunden ist das Verhältnis zwischen Rechenkosten und Umsatz besonders relevant. Es zeigt, dass sinkende Modellkosten nicht automatisch vollständig an API-Kunden weitergegeben werden müssen. Zwar hat Anthropic zuletzt mit Claude Haiku 5.5 die API-Preise deutlich gesenkt, doch die grundsätzliche Preisgestaltung bleibt in der Hand des Anbieters.
Anthropic begrenzt Modelldestillation
Ein beträchtlicher Teil des Umsatzes stammte bislang von konkurrierenden KI-Laboren. Diese nutzten Anthropic-Modelle intensiv, um anhand ihrer Ausgaben eigene Modelle zu trainieren. Dieses Verfahren wird als Modelldestillation bezeichnet.
Anthropic geht gegen Modelldestillation vor, bei der konkurrierende KI-Labore ihre Modelle anhand der Ausgaben fortschrittlicherer Systeme trainieren, so die sinngemäße Aussage aus den Investorengesprächen.
Vor der Einschränkung entfielen 5 % bis 7 % des Gesamtumsatzes auf solche Zugriffe. Bezogen auf den Umsatz des zweiten Quartals waren das rechnerisch mehr als 500 Millionen US-Dollar. Im dritten Quartal soll Anthropic diesen Anteil spürbar reduziert haben.
Welche technischen Maßnahmen oder Vertragsänderungen dafür eingesetzt werden, ist nicht bekannt. Der Vorgang ähnelt dennoch dem Vorgehen anderer Modellanbieter. Auch OpenAI ging bereits gegen mutmaßliche Modelldestillation vor.
Proprietäre APIs schaffen strategische Abhängigkeiten
Für Unternehmen im DACH-Raum unterstreichen die Zahlen die wachsende Marktmacht großer US-Modellanbieter. Viele europäische KI-Produkte basieren auf proprietären APIs und übernehmen damit deren Preise, Nutzungsbedingungen und technische Beschränkungen.
Problematisch wird das, wenn eine API nicht nur einzelne Anfragen verarbeitet, sondern zur Grundlage eigener Produkte, Trainingsprozesse oder automatisierter Abläufe wird. Der Anbieter kann Nutzungsformen nachträglich einschränken, Zugänge sperren oder Preise verändern. Ein kurzfristig günstiger Entwicklungsweg kann dadurch zu einem langfristigen Vendor-Lock-in werden.
Open-Source-Modelle und Self-Hosting beseitigen die Infrastrukturkosten nicht. Sie schaffen aber mehr Kontrolle über Daten, Modellwechsel und zulässige Trainingsverfahren. Gerade bei geschäftskritischen Anwendungen sollte deshalb nicht allein der aktuelle Token-Preis entscheiden, sondern auch die Frage, wie leicht sich ein Anbieter später ersetzen lässt.

