Disney greift nach Character.AI-Technologie
Disney hat im Insolvenzverfahren von Character Technologies ein Angebot über 20 Millionen US-Dollar abgegeben. Dafür soll der Konzern eine nicht exklusive und unbefristete Lizenz an bestimmten Rechten des Unternehmens erhalten.
Nicht exklusiv bedeutet, dass dieselben Rechte auch an weitere Interessenten vergeben werden könnten. Welche Modelle, Software-Komponenten oder sonstigen Vermögenswerte zum Lizenzpaket gehören, wurde nicht veröffentlicht. Ebenso ist offen, ob Disney den Zuschlag erhält oder noch überboten wird.
Character Technologies sucht im Rahmen seiner Insolvenz nach Käufern für Character.AI und weitere Vermögenswerte. Der Verkaufsprozess soll nach aktueller Planung Ende November oder Anfang Dezember 2026 abgeschlossen werden.
Die wichtigsten Zahlen zum Verfahren
| Kennzahl | Angabe |
|---|---|
| Angebot von Disney | 20 Millionen US-Dollar |
| Art der Lizenz | Nicht exklusiv und unbefristet |
| Geschätzte Vermögenswerte | 50 bis 100 Millionen US-Dollar |
| Geschätzte Verbindlichkeiten | 50 bis 100 Millionen US-Dollar |
| Monatlich aktive Nutzer im Vorjahr | Mehr als 20 Millionen |
| Betriebsdauer bis zur Insolvenz | Vier Jahre |
| Geplanter Abschluss des Verkaufs | Ende November bis Anfang Dezember 2026 |
Vom Rechtsstreit zum Lizenzangebot
Das Angebot ist bemerkenswert, weil Disney noch im September 2025 mit einer Unterlassungserklärung gegen Character.AI vorgegangen war. Der Konzern warf dem Anbieter Markenrechtsverletzungen und eine Gefährdung von Kindern vor. Character.AI entfernte anschließend sämtliche Disney-Figuren von seiner Plattform.
Die rechtsverletzenden Chatbots von Character.AI seien in einigen Fällen sexuell ausbeuterisch sowie anderweitig schädlich und gefährlich für Kinder. Dadurch würden Kunden vor den Kopf gestoßen und Disneys Ruf erheblich beschädigt, erklärte Disney damals sinngemäß aus dem Englischen.
Inzwischen hat Disney den früheren Character.AI-Chef Karandeep Anand als ersten Chief Technology Officer eingestellt. Ob die angebotene Lizenz in Produkten für Kinder eingesetzt werden soll, ist nicht bekannt. Disney hat dazu keine konkreten Pläne veröffentlicht.
20 Millionen Nutzer reichten nicht für ein tragfähiges Geschäft
Character.AI war vier Jahre am Markt und erreichte nach eigenen Angaben im Vorjahr mehr als 20 Millionen monatlich aktive Nutzer. Trotzdem konnte die Plattform ihre hohen Entwicklungs- und Betriebskosten nicht durch ausreichende Einnahmen decken.
Hinzu kamen erhebliche rechtliche Risiken. Dazu zählt die Klage im Fall eines 14-Jährigen, dessen Suizid durch Gespräche mit Chatbots begünstigt worden sein soll. Auch Kentucky und Pennsylvania gingen rechtlich gegen das Unternehmen vor und erhoben Vorwürfe zu Selbstgefährdung sowie zur unzulässigen Darstellung von Chatbots als lizenzierte Ärzte.
Hohe Kosten, mögliche Verbindlichkeiten aus Rechtsstreitigkeiten und der regulatorische Aufwand hätten verhindert, dass ausreichend Cashflow für den bisherigen Geschäftsbetrieb erwirtschaftet werden konnte, erklärte Character Technologies im Insolvenzantrag sinngemäß aus dem Englischen.
Der regulatorische Druck betrifft nicht nur Character.AI. Auch die Untersuchung von OpenAI und Anthropic nach Vorfällen mit KI-Systemen zeigt, dass Anbieter mit Verbraucherkontakt stärker für Sicherheit und Kontrollmechanismen einstehen müssen.
Chat-Protokolle werden zum Insolvenzrisiko
Besonders kritisch ist der Umgang mit Nutzerdaten. Die Datenschutzbestimmungen von Character.AI erlauben grundsätzlich die Übertragung von Identifikationsdaten, Sprachdaten und Chat-Protokollen, wenn Unternehmenswerte verkauft werden.
Das bedeutet nicht, dass diese Daten tatsächlich an Disney oder einen anderen Bieter gehen. Character Technologies hat nicht offengelegt, ob und in welchem Umfang Nutzerdaten Teil eines Verkaufs sein könnten. Eine entsprechende Klausel schafft zudem nicht automatisch eine ausreichende datenschutzrechtliche Grundlage für jede Übertragung.
Für Unternehmen im DACH-Raum liegt darin das größere Signal. Wer vertrauliche Kundeninformationen, interne Dokumente oder personenbezogene Daten an einen externen KI-Dienst überträgt, muss auch dessen Insolvenz und Eigentümerwechsel einkalkulieren. Datenschutzvereinbarungen, Löschkonzepte und Exportmöglichkeiten sollten deshalb nicht nur den laufenden Betrieb abdecken.
Abhängigkeit von KI-SaaS braucht einen Ausstiegsplan
Character.AI zeigt, dass eine große Nutzerbasis keinen dauerhaften Betrieb garantiert. Hohe Rechenkosten und schwer kalkulierbare Haftungsrisiken können selbst populäre Plattformen wirtschaftlich destabilisieren. Für Kunden entstehen daraus Risiken bei Verfügbarkeit, Preisen und Datenkontrolle.
Bei geschäftskritischen KI-Anwendungen sollte deshalb geklärt sein, ob Daten und Konfigurationen exportiert werden können und welche Funktionen sich bei einem Ausfall ersetzen lassen. Für besonders sensible Prozesse können Self-Hosting, Open-Source-Modelle oder eine eigene Anwendung auf austauschbaren Modellen die Abhängigkeit reduzieren. Der interne Aufwand steigt dabei, dafür bleiben Betriebsmodell und Datenwege besser kontrollierbar.

