Wenn KI Schwachstellen findet, schrumpft die Lebensdauer der Hardware
Cisco-Chef Chuck Robbins hat in der Quartalskonferenz einen Begriff geprägt, der im Netzwerkgeschäft hängen bleiben dürfte: den "Mythos-Effekt". Gemeint ist Anthropics Modell Mythos, das automatisiert Sicherheitslücken aufspürt. Seit es im Einsatz ist, finden Hersteller und Open-Source-Projekte mehr Schwachstellen und veröffentlichen mehr Patches.
Für Betreiber älterer Geräte ist das ein Problem. Wer Hardware nutzt, die den Last Day of Support (LDOS) überschritten hat, bekommt keine Sicherheitsupdates mehr. Solange Lücken mühsam manuell gefunden wurden, war das ein kalkulierbares Restrisiko. Wenn eine KI systematisch Code durchkämmt, verschiebt sich diese Rechnung.
Robbins beschreibt den Effekt anhand eines Gesprächs mit einem befreundeten CEO eines großen US-Herstellers. Dessen Team habe früh in der Mythos-Welle angerufen und gesagt, man müsse einiges von dem loswerden, was das Support-Ende überschritten habe. Andere Kunden hätten ähnlich reagiert.
"Wir haben gesehen, dass die Pipeline als Folge von Mythos erheblich gewachsen ist, was sich wirklich als Netzwerk-Erneuerung zeigt." (Chuck Robbins, sinngemäß übersetzt)
Interessant ist, woher das Geld dafür kommt. Nach Ciscos Beobachtung schichten Unternehmen Budgets aus der IT-Sicherheit um, um neue Netzwerk-Hardware zu kaufen. Aus Herstellersicht ist das gleichgültig, aus Sicht der Sicherheitsabteilung nicht: Mittel, die sonst in Erkennung, Härtung oder Personal geflossen wären, landen im Hardware-Austausch.
Drei Treiber für den "Supercycle"
Robbins nennt Mythos als einen von drei Gründen für einen neuen Investitionszyklus bei Netzwerktechnik. Der zweite ist die Vorbereitung auf Quantencomputing, also quantensichere Netze und der Schutz vor späterer Entschlüsselung heute abgefangener Daten. Der dritte ist der Ausbau für agentische KI, also Systeme, die eigenständig Aufgaben ausführen und dabei deutlich mehr Netzlast erzeugen als klassische Anwendungen.
Finanzchef Mark Patterson betonte, wer schnell ersetzen müsse, müsse nicht warten. Nennenswerte Lieferzeitprobleme sehe man bei Cisco derzeit nicht. Welche Wettbewerber davon abweichen, blieb offen.
Die Zahlen zum Quartal und Geschäftsjahr
| Kennzahl | Wert | Veränderung |
|---|---|---|
| Umsatz Q4 | 17,3 Mrd. US-Dollar | +17 % |
| Umsatz Gesamtjahr | 63,3 Mrd. US-Dollar | +12 % |
| Nettogewinn Q4 | 3,9 Mrd. US-Dollar | +51 % |
| Nettogewinn Gesamtjahr | 13,27 Mrd. US-Dollar | +30 % |
Robbins sprach vom höchsten Umsatz, der höchsten operativen Marge und dem höchsten Gewinn pro Mitarbeiter seit dreißig Jahren. Die Börse reagierte gemischt: Der Kurs zog nach der Mitteilung zunächst an und schloss dann 4 % unter dem Vortagesniveau.
145.000 Support-Fälle ohne Menschen
Wie stark KI die Kostenseite bewegt, zeigt Ciscos interner Einsatz. Im Geschäftsjahr 2026 wurden nach Konzernangaben 145.000 Support-Fälle vollständig durch KI gelöst, ohne jede menschliche Beteiligung. Ob die betroffenen Kunden damit zufrieden waren, sagt Cisco nicht.
Dazu kommt ein interner Assistent namens Circuit, der allein im vierten Quartal mehr als 75 Millionen Prompts verarbeitet hat. Er läuft auf einer hauseigenen Infrastruktur, die Cisco "Secure AI Factory" nennt. Laut Robbins verbessert diese die GPU-Auslastung und leitet jede Aufgabe automatisch an das passende Sprachmodell weiter, um den Token-Verbrauch zu steuern.
Das ist genau die Praxis, die inzwischen viele Anbieter aufbauen: Nicht jede Anfrage an das teuerste Modell schicken, sondern nach Aufgabe verteilen. Andere Unternehmen gehen denselben Weg, weil Token-Kosten inzwischen einen erheblichen Teil des Entwicklungsbudgets beanspruchen. Auch Microsoft bremst intern den Token-Verbrauch der eigenen Entwickler.
Was das für Unternehmen im DACH-Raum bedeutet
Ein direkter Bezug zu Deutschland, Österreich oder der Schweiz fehlt in Ciscos Aussagen. Der Mechanismus gilt aber überall: Sobald automatisierte Schwachstellensuche breit verfügbar ist, verkürzt sich die realistische Nutzungsdauer von Systemen ohne Patches. Wer Switches, Router oder Firewalls jenseits des Support-Endes betreibt, muss die Risikobewertung neu machen. Dass KI-Systeme dabei nicht nur auf der Verteidigerseite stehen, zeigen Berichte über KI-Agenten, die Open-Source-Projekte auf GitHub angegriffen haben, und über Claude-Modelle, die in fremde Systeme eingedrungen sind.
Für die Beschaffung heißt das zweierlei. Erstens wird der Support-Zeitraum eines Produkts zur harten Kostengröße und nicht zur Fußnote im Datenblatt. Zweitens wächst damit die Abhängigkeit vom Hersteller: Wer Patches braucht und sie nur über laufende Wartungsverträge bekommt, hat wenig Verhandlungsspielraum. Bei offenen Komponenten lässt sich ein Fix im Zweifel selbst einspielen oder von Dritten beziehen, bei geschlossener Hardware nicht.
Bemerkenswert bleibt die Doppelrolle, in der sich Anbieter wie Cisco gerade befinden. Auf der Absatzseite treibt KI-gestützte Schwachstellensuche den Verkauf neuer Geräte. Auf der Kostenseite senkt KI den Aufwand für Support und hebt die Marge. Beide Effekte zahlen auf dasselbe Ergebnis ein, und beide werden von den Kunden finanziert.

