EU-Cloud-Souveränität soll 115 Milliarden Euro kosten

Eine von US-Tech-Konzernen finanzierte Studie beziffert die möglichen Kosten strenger EU-Souveränitätsregeln für Cloud und KI auf 115 Milliarden Euro. Der größte Kostenblock entsteht laut Berechnung durch Code-Umschreibungen und neue Softwarearchitekturen, was vor allem das bestehende Vendor-Lock-in sichtbar macht.

EU-Cloud-Souveränität soll 115 Milliarden Euro kostenBild: KI-generiert

115 Milliarden Euro statt 18 Milliarden Euro

Strengere europäische Souveränitätsregeln für Cloud und KI könnten über zehn Jahre Kosten von 115 Milliarden Euro verursachen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des European Centre for International Political Economy, die von der Lobbyorganisation CCIA Europe in Auftrag gegeben wurde.

Zu den Mitgliedern der CCIA gehören unter anderem Amazon, Google und Meta. Die Interessenlage ist damit eindeutig: Mehrere beteiligte Unternehmen profitieren davon, wenn europäische Behörden und Firmen ihre Cloud-Dienste weiterhin bei US-Anbietern beziehen.

Untersucht wurden mögliche Auswirkungen des geplanten Cloud and AI Development Act, kurz CADA. Die Schätzung liegt mehr als sechsmal so hoch wie die maximale Kostenannahme der Europäischen Kommission.

KostenpositionSchätzung über zehn JahreEinordnung
Gesamtkosten laut CCIA/ECIPE-Studie115 Milliarden €Modellrechnung für Europa
Schätzung der EU-KommissionBis zu 18 Milliarden €Offizielle Obergrenze
Öffentlicher Sektor33,3 Milliarden €Direkte Kosten laut Studie
PrivatwirtschaftBis zu 80 Milliarden €Basiert auf einer angenommenen Ausweitung der Vorgaben

80 Milliarden Euro beruhen auf einer Modellannahme

Der größte Unsicherheitsfaktor betrifft die Privatwirtschaft. Die Studie unterstellt, dass Souveränitätsanforderungen auf 25 % der Cloud-Workloads in kritischen Branchen ausgeweitet werden. Genannt werden Banken, Gesundheit, Energie und Verkehr.

Ob Artikel 31 des CADA tatsächlich in diesem Umfang auf private Unternehmen angewendet wird, ist bislang nicht bestätigt. Die 80 Milliarden € sind deshalb keine bereits feststehende Belastung, sondern das Ergebnis eines modellierten Szenarios.

Auch die konkreten methodischen Annahmen für die berechneten Kosten der Code-Überarbeitung sind aus den vorliegenden Angaben nicht ersichtlich. Die hohe Gesamtsumme sollte daher nicht mit einer feststehenden Rechnung verwechselt werden.

Die EU-Mitgliedstaaten könnten sich bei der Entscheidung über strenge Souveränitätsregeln nicht auf unvollständige Schätzungen der Kommission verlassen. Steuerzahler und Unternehmen müssten die Kosten tragen, während die offizielle Bewertung 70 % der tatsächlichen Auswirkungen übersehe, erklärte CCIA Europe sinngemäß.

69 % der Kosten entstehen durch bestehende Abhängigkeiten

Besonders relevant ist die Zusammensetzung der prognostizierten Kosten. Laut Studie entfallen 69 % auf das Umschreiben von Quellcode und die Neukonstruktion von Softwarearchitekturen. Nicht neue Hardware oder zusätzliche Rechenleistung wären demnach der größte Posten, sondern der technische Ausstieg aus bestehenden Plattformen.

Damit beschreibt die Studie unbeabsichtigt das zentrale Problem proprietärer Cloud-Ökosysteme. Wenn Anwendungen eng an Dienste und Strukturen eines einzelnen Anbieters gebunden sind, wird ein späterer Wechsel zu einem eigenen Rechenzentrum, einem europäischen Anbieter oder einer anderen Cloud teuer.

Ähnliche Abhängigkeiten zeigen sich auch außerhalb der Hyperscaler-Welt. Bei VMware prüfen zahlreiche Kunden wegen steigender Lizenzkosten den Ausstieg, müssen dafür aber ebenfalls erhebliche Migrationsprojekte einplanen.

US-Anbieter verkaufen zugleich eigene Sovereign Clouds

CCIA fordert, Vorgaben nach Herkunft oder Nationalität durch risikobasierte technische Schutzmaßnahmen zu ersetzen. Gleichzeitig vermarkten AWS und Google eigene Sovereign-Cloud-Angebote für europäische Kunden.

Solche Angebote können Anforderungen an Datenhaltung und betriebliche Kontrolle adressieren. Sie beseitigen aber nicht automatisch die Bindung an den jeweiligen Anbieter. Datensouveränität und technische Portabilität sind zwei unterschiedliche Anforderungen.

Wie ernst öffentliche Stellen diese Abwägung inzwischen nehmen, zeigt der gestoppte Microsoft-365-Cloud-Umzug einer niederländischen Steuerbehörde. Dabei geht es nicht nur um den Speicherort, sondern auch um Kontrollmöglichkeiten und langfristige Abhängigkeiten.

Österreich gehört laut Studie zu den teuersten Ländern

Für Österreich berechnet die Studie eine Belastung von 900 € pro Arbeitnehmer über zehn Jahre. Damit liegt das Land in der Erhebung an dritter Stelle. Für Deutschland und die Schweiz werden keine konkreten Werte genannt.

LandGeschätzte Kosten pro Arbeitnehmer über zehn Jahre
Luxemburg1.711 €
Dänemark905 €
Österreich900 €
Finnland864 €
Irland856 €

Für Unternehmen im DACH-Raum bleibt die Debatte dennoch unmittelbar relevant. Besonders betroffen sind regulierte Branchen und Betreiber kritischer Infrastruktur, deren Anwendungen bereits tief in den Plattformen großer US-Anbieter verankert sind.

Was Unternehmen aus der Kostenschätzung ableiten können

Die Studie liefert keine belastbare Endabrechnung für CADA. Sie macht aber deutlich, dass fehlende Portabilität einen wirtschaftlichen Wert hat. Dieser Wert wird häufig erst sichtbar, wenn regulatorische Vorgaben, Preiserhöhungen oder strategische Entscheidungen einen Anbieterwechsel erzwingen.

  • Cloud-Anwendungen sollten regelmäßig auf anbieterspezifische Abhängigkeiten geprüft werden.
  • Exit-Szenarien müssen neben Datenexporten auch Quellcode, Identitätsverwaltung und Betriebsprozesse berücksichtigen.
  • Neue Systeme lassen sich mit offenen Standards, Open Source und portablen Architekturen weniger abhängig aufbauen.
  • Self-Hosting ist dort eine Option, wo Kontrolle und langfristige Kosten den zusätzlichen Betriebsaufwand rechtfertigen.

Ein praktisches Gegenmodell sind Plattformen, die lokale oder abgeschottete Betriebsformen von Beginn an einplanen. So arbeitet etwa OpenDesk an KI-Agenten mit Air-Gap-Betrieb, bei denen Systeme ohne Verbindung zum öffentlichen Internet eingesetzt werden können.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob europäische Souveränitätsregeln kurzfristig hohe Kosten verursachen. Ebenso wichtig ist, warum ein Wechsel überhaupt so teuer wäre. Wenn 69 % der prognostizierten Belastung aus Code-Umschreibungen und neuen Architekturen stammen, liegt das wirtschaftliche Risiko bereits in der heutigen Plattformbindung.