Zeiss stoppt Greenfield-Migration auf SAP S/4HANA

Zeiss gibt den vollständigen Neuanfang bei der Migration auf SAP S/4HANA auf und übernimmt stattdessen schrittweise die bestehende R/3-Landschaft. Der Strategiewechsel zeigt, wie Kosten, individuelle Prozesse und Anbieterabhängigkeit selbst große Industriekonzerne beim ERP-Umbau ausbremsen.

Zeiss stoppt Greenfield-Migration auf SAP S/4HANABild: KI-generiert

Zeiss richtet die SAP-Migration neu aus

Die Zeiss-Gruppe stoppt ihren bisherigen Greenfield-Ansatz für die Migration auf SAP S/4HANA. Statt Prozesse und Systeme vollständig neu im SAP-Standard aufzubauen, soll nun die vorhandene ERP-Landschaft auf die neue Plattform übertragen werden.

Dieser Brownfield-Ansatz übernimmt das bestehende System samt gewachsener Strukturen und passt es schrittweise an. Nach der Migration des Basissystems sollen die einzelnen Zeiss-Segmente darauf individuell konfigurierte Anwendungen aufsetzen.

Damit entsteht ein konzernweiter Kern, der weiterhin Raum für unterschiedliche Prozesse in den Geschäftsbereichen lässt. Zeiss begründet die Neuausrichtung mit dem Ziel, schneller voranzukommen und die verschiedenen Anforderungen der Segmente besser abzubilden.

Vom Clean Core zurück zur bestehenden Landschaft

Die Initiative zur Ablösung des mehr als 30 Jahre alten SAP-R/3-Systems begann um das Jahr 2020. R/3 wurde erstmals 1992 veröffentlicht und bei Zeiss über Jahrzehnte stark an die eigenen Abläufe angepasst.

Noch vor zwei Jahren bezeichnete Zeiss-CIO Carsten Trapp den Greenfield-Ansatz als Gelegenheit, diese Altlasten zu beseitigen. Greenfield bedeutet in diesem Zusammenhang, Prozesse und Konfigurationen weitgehend neu aufzubauen, anstatt bestehende Anpassungen zu übernehmen.

Die Migration sei eine einmalige Gelegenheit zum Aufräumen, nachdem das R/3-System über 30 Jahre hinweg stark verbaut worden sei. Alle Prozesse sollten von Anfang an sauber im SAP-Standard entstehen, so Trapp sinngemäß.

Genau dieses Vorhaben wird nun nicht weiterverfolgt. Der Versuch, jahrzehntelang optimierte Geschäftsprozesse gleichzeitig technisch zu migrieren und organisatorisch zu standardisieren, hat sich offenbar als zu aufwendig erwiesen.

Kosten bleiben teilweise unklar

Berichten zufolge wurden bislang rund 200 Millionen € in das Projekt investiert. Zeiss hat diese Zahl weder bestätigt noch näher kommentiert. Auch zu den zusätzlichen Kosten des Strategiewechsels und zum vollständigen Produktivbetrieb nennt der Konzern bislang keine Details.

Die Tochtergesellschaft Carl Zeiss Meditec meldete bereits steigende Verwaltungskosten durch die Einführung von SAP S/4HANA. Das Unternehmen erwartet den Höhepunkt dieser projektbedingten Belastungen innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre.

KennzahlAngabeEinordnung
Jahresumsatz der Zeiss-Gruppe11,896 Milliarden €Größe des betroffenen Industriekonzerns
Bisherige Projektkostenrund 200 Millionen €Berichtete, von Zeiss nicht bestätigte Summe
Start der Migrationsinitiative2020Beginn der Ablösung von R/3
Ende des regulären ECC-Supports2027Zeitlicher Druck für viele SAP-Bestandskunden
Kunden mit schwierigem Business-Case95 %Erhebliche Hürde oder schwere Herausforderung laut Studie

Support-Ende erhöht den Druck auf SAP-Kunden

SAP empfiehlt Bestandskunden regelmäßig einen Clean-Core-Ansatz. Dabei sollen individuelle Erweiterungen reduziert und möglichst viele Prozesse im Herstellerstandard abgebildet werden. Das verspricht langfristig einfachere Aktualisierungen, verlangt aber oft tiefgreifende Änderungen an etablierten Abläufen.

Gleichzeitig endet 2027 der reguläre Mainstream-Support für SAP ECC, das Nachfolgesystem von R/3. Für viele Unternehmen entsteht dadurch ein erheblicher Zeitdruck, obwohl der wirtschaftliche Nutzen der Migration schwer zu belegen bleibt.

Nach einer Studie betrachten 95 % der befragten SAP-Bestandskunden die Entwicklung eines positiven Business-Cases für S/4HANA als erhebliche Hürde oder schwere Herausforderung. Das Problem liegt damit nicht nur in der technischen Umsetzung. Entscheidend ist, ob die erwarteten Vorteile die Migrationskosten und organisatorischen Risiken rechtfertigen.

Azure wird Teil der neuen Abhängigkeit

Die ERP-Systeme von Zeiss werden in Zusammenarbeit mit Microsoft in die Azure Cloud verlagert. Damit betrifft die Entscheidung nicht nur die SAP-Architektur, sondern auch das künftige Betriebsmodell.

Für Unternehmen entstehen mehrere Ebenen der Abhängigkeit. Prozesse, Datenmodelle und Eigenentwicklungen bleiben eng an SAP gebunden, während die Infrastruktur zusätzlich von Microsoft Azure abhängt. Ein späterer Plattformwechsel kann dadurch technisch und vertraglich noch anspruchsvoller werden.

Das Muster ist aus anderen Bereichen der Unternehmenssoftware bekannt. Auch die Diskussion um den VMware-Lock-in unter Broadcom zeigt, wie stark veränderte Herstellerstrategien bestehende IT-Landschaften treffen können. Bei Oracle-Lizenzen und der EU-Kartellprüfung stehen ebenfalls langfristige Abhängigkeiten und schwer kalkulierbare Kosten im Mittelpunkt.

Was der Fall für DACH-Unternehmen zeigt

Zeiss ist kein Ausnahmefall mit fehlenden Ressourcen. Der Konzern erzielt fast 12 Milliarden € Jahresumsatz und betreibt dennoch seit Jahren eine schwierige Migration. Das unterstreicht, wie komplex der Wechsel eines zentralen ERP-Systems selbst für große Organisationen bleibt.

Für mittelständische Unternehmen ist die Lehre vor allem wirtschaftlicher Natur. Ein kompletter Neuanfang im Herstellerstandard kann auf dem Papier sauber wirken, gleichzeitig aber individuelle Prozesse entwerten, die über Jahrzehnte einen operativen Vorteil geschaffen haben.

Vor einer solchen Migration sollte daher klar getrennt werden, welche Funktionen tatsächlich zum unverzichtbaren ERP-Kern gehören. Individuelle Anwendungen lassen sich gegebenenfalls modular außerhalb des Monolithen betreiben oder eigenständig entwickeln. Open Source und Self-Hosting sind dabei keine automatischen Ersatzlösungen, können aber Abhängigkeiten in ausgewählten Bereichen reduzieren.

Der Strategiewechsel bei Zeiss zeigt letztlich die begrenzte Bewegungsfreiheit in gewachsenen ERP-Landschaften. Selbst nach hohen Vorleistungen bleibt häufig nur die schrittweise Modernisierung innerhalb des bestehenden Herstellerökosystems. Offen ist weiterhin, wann Zeiss die Migration abschließt und welche Eigenentwicklungen dauerhaft erhalten bleiben.