Anthropic: Cloud-Konflikt vor geplantem Börsengang

Anthropic bekommt laut einem durchgesickerten S-1-Dokument nicht genügend Cloud-Kapazität von AWS, Google und Microsoft. Mehr als 750 Milliarden US-Dollar an möglichen Cloud-Verträgen, hohe Verluste und die Abhängigkeit von wenigen Großkunden erhöhen den Druck vor dem angestrebten Börsengang.

Anthropic: Cloud-Konflikt vor geplantem BörsengangBild: KI-generiert

Cloud-Kapazität wird für Anthropic zum Engpass

Anthropic hat offenbar Schwierigkeiten, ausreichend Rechenkapazität von AWS, Google und Microsoft zu beziehen. Das geht aus einem durchgesickerten S-1-Dokument hervor. Ein S-1 ist eine Registrierungserklärung, die Unternehmen in den USA im Vorfeld eines Börsengangs einreichen.

Das Verhältnis zu den Hyperscalern wird dabei komplizierter. Die großen Cloud-Anbieter liefern Anthropic nicht nur Infrastruktur, sondern entwickeln zugleich eigene KI-Modelle und Plattformen. Laut dem Dokument betrachten sie den Claude-Entwickler deshalb zunehmend als Konkurrenten und nicht mehr ausschließlich als Großkunden.

Anthropic schätzt die möglichen Gesamtausgaben für Cloud-Verträge auf mehr als 750 Milliarden US-Dollar. In dieser Summe sind allerdings auch Vereinbarungen enthalten, die noch verhandelt werden. Ob alle Verträge zustande kommen und zu welchen Konditionen, ist bislang offen.

KennzahlAngabe
Geschätzte Cloud-Verträgemehr als 750 Milliarden US-Dollar
Umsatz im ersten Halbjahr16,3 Milliarden US-Dollar
Nettoverlust im ersten Halbjahr80,7 Milliarden US-Dollar
Umsatz im dritten Quartal16,8 Milliarden US-Dollar
Wachstum gegenüber dem zweiten Quartal45 %
Umsatzanteil von zwei Großkundenetwa 20 % im ersten Halbjahr
Angestrebter BörsengangNovember, genauer Termin nicht bestätigt

Eigene Rechenzentren lösen das Problem nur teilweise

Um die fehlende Kapazität auszugleichen, mietet Anthropic eigene Rechenzentren an und arbeitet mit weiteren Betreibern zusammen. Welche Unternehmen diese Infrastruktur bereitstellen, nennt das Dokument nicht. Auch der Umfang der jeweiligen Verträge bleibt offen.

Anthropic sieht diese Ausweichstrategie selbst kritisch. Kleinere oder jüngere Betreiber könnten weniger zuverlässig sein als etablierte Hyperscaler.

Die Drittbetreiber verfügen laut Anthropic über eine „begrenzte Betriebshistorie“, sinngemäß übersetzt aus dem durchgesickerten Dokument.

Damit entsteht ein klassisches Abhängigkeitsproblem. Anthropic benötigt kurzfristig sehr große Mengen Rechenleistung, kann diese aber weder vollständig selbst bereitstellen noch unabhängig am Markt beschaffen. Der Ausbau über alternative Betreiber verteilt das Risiko, bringt jedoch neue technische und wirtschaftliche Unsicherheiten mit sich.

Hoher Umsatz trifft auf noch höhere Verluste

Im ersten Halbjahr erzielte Anthropic dem Dokument zufolge 16,3 Milliarden US-Dollar Umsatz. Gleichzeitig lag der Nettoverlust bei 80,7 Milliarden US-Dollar. Die Kosten für Training, Betrieb und Bereitstellung der Modelle übersteigen die Erlöse damit erheblich.

Im dritten Quartal stieg der Umsatz auf 16,8 Milliarden US-Dollar und damit um 45 % gegenüber dem Vorquartal. Die bereits bekannten Quartalszahlen von Anthropic zeigen zwar starkes Wachstum, lösen aber das grundlegende Kostenproblem nicht.

Hinzu kommt eine hohe Kundenkonzentration. Rund ein Fünftel des Halbjahresumsatzes entfiel auf nur zwei Großkunden. Wer diese Kunden sind, ist nicht bekannt. Der Verlust eines einzelnen Großabnehmers könnte daher spürbare Auswirkungen auf Umsatz und Kapazitätsplanung haben.

Haftungsrisiken könnten Versicherungsschutz übersteigen

Das Dokument nennt neben Infrastruktur und Finanzierung auch mögliche Haftungsrisiken. Anthropic warnt demnach vor Schäden durch schädliches Verhalten seiner KI-Systeme. Mögliche Forderungen könnten den vorhandenen Versicherungsschutz übersteigen.

Für Unternehmenskunden ist dieser Punkt besonders relevant, wenn Claude direkt in operative Prozesse eingebunden wird. Verträge sollten klar regeln, wer bei fehlerhaften Entscheidungen, Datenverlusten oder automatisierten Aktionen haftet. Technische Kontrollmechanismen bleiben unabhängig von den Zusagen des Modellanbieters notwendig.

Folgen für Unternehmen im DACH-Raum

Der Bericht bedeutet nicht, dass kurzfristig mit Ausfällen oder Preisänderungen bei Claude zu rechnen ist. Er zeigt jedoch, wie abhängig selbst ein führender KI-Anbieter von wenigen US-Infrastrukturkonzernen ist. Konflikte über Kapazitäten können sich langfristig in Preisen, Verfügbarkeit und Vertragsbedingungen niederschlagen.

Für europäische Unternehmen entsteht damit ein doppelter Vendor-Lock-in. Die Anwendung hängt vom Modellanbieter ab, während dieser wiederum an AWS, Google oder Microsoft gebunden ist. Die Debatte über europäische Cloud-Souveränität betrifft deshalb auch den Zugang zu KI-Modellen und deren zugrunde liegende Rechenleistung.

Eine belastbare Architektur sollte mehrere Modelle und Anbieter unterstützen. Abstraktionsschichten, Modell-Routing und portable Datenhaltung erleichtern einen Wechsel, wenn Preise steigen oder Kapazitäten knapp werden. Auch Open-Weight-Modelle als Alternative zu proprietären APIs können Abhängigkeiten reduzieren, sofern Betrieb, Sicherheit und Hardwarekosten beherrschbar sind.

Self-Hosting ist dabei nicht automatisch günstiger. Es verschiebt Kosten und Verantwortung in die eigene Organisation. Für sensible oder strategisch wichtige Prozesse kann diese Kontrolle dennoch wertvoller sein als die vollständige Bindung an einen Anbieter, dessen eigene Infrastrukturversorgung unsicher ist.

Börsengang bleibt mit Unsicherheiten verbunden

Anthropic strebt laut Bericht einen Börsengang im November an. Ein konkreter Termin und eine Bewertung sind bislang nicht bestätigt. Auch die noch verhandelten Cloud-Verträge können die Kostenbasis und damit die Bewertung erheblich beeinflussen.

Das durchgesickerte Dokument zeichnet ein widersprüchliches Bild. Anthropic wächst schnell und erzielt Milliardenumsätze, benötigt dafür aber Rechenleistung in einer Größenordnung, die selbst mit mehreren Hyperscalern schwer abzusichern ist. Für Unternehmenskunden ist das ein weiterer Grund, KI-Infrastruktur nicht als gewöhnliches, dauerhaft planbares Software-Abo zu behandeln.