Moratorium im wichtigsten US-Rechenzentrumsmarkt
Texas galt bislang als der Bundesstaat mit den günstigsten Bedingungen für neue Rechenzentren: billiges Land, reichlich Erzeugungskapazität, Steuervergünstigungen und wenig Regulierung. Nun zieht Gouverneur Greg Abbott die Handbremse. Alle laufenden Anträge auf Netzanschluss von Rechenzentren müssen künftig von der Regulierungsbehörde PUCT und dem Netzbetreiber ERCOT geprüft werden.
Bis diese Prüfung abgeschlossen ist, werden keine neuen Anschlüsse mehr freigegeben. Die Betreiber müssen dafür detaillierte Angaben liefern: erwarteter Jahres- und Spitzenverbrauch an Strom, Wasserbedarf für die Kühlung, Lärm- und Lichtschutzmaßnahmen, genutzte Steuervergünstigungen sowie Eigentümer- und Beteiligungsverhältnisse.
ERCOT ist dabei ein Sonderfall. Der Netzbetreiber steuert ein Stromnetz, das technisch weitgehend getrennt vom Rest der USA arbeitet. Engpässe lassen sich damit nicht einfach über Importe aus Nachbarregionen ausgleichen.
474 Gigawatt in der Warteschlange
Die Zahlen erklären den Kurswechsel. In der Anschlusswarteschlange von ERCOT stehen derzeit mehr als 1.800 Projekte mit einer Gesamtleistung von über 474 Gigawatt. Rund 90 % dieser Anfragen kommen von Rechenzentren. Im Januar 2026 lag der Wert noch bei 233 Gigawatt, er hat sich also in weniger als sechs Monaten mehr als verdoppelt.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Anschlussanträge bei ERCOT (Januar 2026) | 233 Gigawatt |
| Anschlussanträge aktuell | über 474 Gigawatt |
| Projekte in der Warteschlange | über 1.800 |
| Anteil Rechenzentren | rund 90 % |
| Verhältnis zur bisherigen Rekord-Spitzenlast | mehr als 5-fach |
Sinngemäß aus der Mitteilung des Gouverneursbüros: Dieses präzedenzlose Lastwachstum könnte die Zuverlässigkeit und Stabilität des texanischen Stromnetzes gefährden.
Wie viele dieser Projekte tatsächlich gebaut werden, ist offen. Weil die Wartezeiten für Netzanschlüsse lang sind, stellen viele Entwickler zuerst einen Antrag und entscheiden später über die Realisierung. Ein Teil der 474 Gigawatt dürfte reine Absichtserklärung bleiben, wie groß dieser Anteil ist, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht beziffern.
ERCOT rechnet dennoch damit, dass sich der Strombedarf in Texas bis 2032 gegenüber dem aktuellen Rekordwert verdoppeln könnte. Zusätzlich hat der Netzbetreiber das Benachrichtigungsverfahren für die erste privilegierte Anschlussgruppe, intern "Batch Zero" genannt, bis auf Weiteres ausgesetzt.
Ausnahme für eigene Kraftwerke
Das Moratorium betrifft nicht alle Vorhaben. Projekte, die ihren Strom selbst vor Ort erzeugen und damit am öffentlichen Netz vorbei arbeiten, sind ausgenommen. Diese sogenannten Behind-the-meter-Anlagen sind eigene Kraftwerke direkt am Rechenzentrum, ohne Anschluss über den regulären Netzzugang.
Texas führt bei diesem Modell mit angekündigten 40 Gigawatt bereits das Feld in den USA an. Die Regelung dürfte den Trend weiter verstärken: Wer Kapazität braucht, baut künftig eher sein eigenes Kraftwerk als auf einen Netzanschluss zu warten. Damit verschiebt sich ein Teil der Infrastrukturkosten direkt in die Bilanzen der Betreiber.
Steuergeschenke, Wasser und politische Stimmung
Auch fiskalisch wird der Boom zum Thema. Die Steuervergünstigungen für Rechenzentren, ursprünglich 2014 mit breiter Mehrheit beschlossen, summieren sich inzwischen auf über 1 Milliarde US-Dollar pro Jahr. Der Bundesstaat rechnet mit Mindereinnahmen von rund 3,2 Milliarden US-Dollar bei der Umsatzsteuer in den nächsten zwei Jahren.
Beim Wasser fällt die Bilanz differenzierter aus. Rechenzentren in Texas verbrauchten 2024 rund 8 Milliarden Gallonen direkt für die Kühlung. Die Gaskraftwerke des Bundesstaats lagen im selben Jahr bei etwa 56 Milliarden Gallonen. Der Strombedarf der Rechenzentren wirkt also indirekt stärker auf den Wasserhaushalt als deren Kühlung selbst.
Texas ist kein Einzelfall. Der Bundesstaat New York hatte am 14. Juli ein einjähriges Bau-Moratorium für Rechenzentren angekündigt. Wie lange die texanischen Prüfungen dauern und welche Kriterien für eine Genehmigung am Ende gelten, ist bislang nicht festgelegt.
Was das für Unternehmen bedeutet
Ein direkter Bezug zum DACH-Raum ergibt sich aus der Anordnung nicht. Relevant ist der Fall trotzdem, weil er zeigt, wo die Grenzen des KI-Ausbaus liegen: nicht bei Modellen oder Chips, sondern bei Stromnetzen, Genehmigungen und Wasser. Diese Engpässe wirken global auf verfügbare Kapazität und deren Preis.
Wenn Betreiber wegen Netzengpässen und Moratorien Milliarden in eigene Erzeugung stecken müssen, landen diese Kosten am Ende in Cloud-Rechnungen und Abo-Preisen. Kurzfristig sinken zwar einzelne Tarife, wie die jüngsten API-Preissenkungen von OpenAI zeigen. Mittelfristig steht dem eine physische Verknappung gegenüber, die die Marktmacht der wenigen großen Anbieter tendenziell stärkt.
Für Unternehmen, die ihre KI-Strategie planen, ist das ein Argument, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Offene Modelle mit veröffentlichten Gewichten, etwa DeepSeek V4 Flash, und Werkzeuge, die lokal statt in fremden Rechenzentren laufen, wie der Coding-Agent Goose, senken die Abhängigkeit von Kapazitäten, über deren Verfügbarkeit am Ende Netzbetreiber und Gouverneure entscheiden.

